Die Börse als reflexives System

Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr steigen neue Trader in die Arena, um „den Markt“ zu bezwingen. Nicht wenige davon betrachten die Börse als statisches, lebloses Objekt das man nur lange genug studieren, analysieren und mathematisch auswerten muss, um damit das perfekte Handelssystem zu kreieren und letztendlich den Markt zu schlagen. Die meisten davon scheitern dabei, denn sie vergessen bei ihren Überlegungen einen wichtigen Parameter: Die Börse ist ein reflexives System. In diesem Artikel wollen wir die Hintergründe selbstreferenzieller Systeme beleuchten und letzten Endes auswerten, welche Folgen dies für unseren täglichen Handel hat.

reflexivität
Erdmännchen sind ein gutes Beispiel für referenzielle Systeme. Sobald sie merken, dass man sie beobachtet, ändern sie ihr Verhalten.

Welcher Trading-Anfänger hat nicht schon mal versucht, mit einer Vielzahl an Indikatoren, Oszillatoren und statistischen Auswertungen das ultimative Trading-System zu entwickeln und so den Markt zu schlagen? Welcher Trading-Anfänger ist nicht davon überzeugt, irgendwann eine Trefferquote von 100% zu erlangen? Umso ernüchternder dann irgendwann die Erkenntnis, dass alles Bemühen um das einzig „perfekte Handelssystem“ letzten Endes vergebens ist. Je früher der Trader zu dieser Erkenntnis gelangt, desto besser. Dabei liegt das Problem weniger an der konkreten Anwendung verschiedener Hilfsmittel und Indikatoren, als an einem grundlegenden Verständnis für den generellen Kursverlauf: die Reflexivität des Systems.

Der Markt ist nicht kausal

Dabei sind wir evolutionär bedingt nur äußerst schlecht für den Börsenhandel vorbereitet. Nicht etwa nur deshalb, weil wir in Gefahrensitutaionen, wie wir beispielsweise auch den Verlust von Geld unterbewusst als Gefahr beurteilen, Stresshormone ausschütten, die einen Flucht- oder Kampfreflex auslösen und uns dann zu irrationalen Handlungen veranlassen, welche meist zu noch größeren Verlusten führen. Auch ist unser Gehirn für das Leben in der Savanne in der Form gestrickt, dass wir unsere Umwelt in zweidimensionalen Kausalketten beurteilen. Die Börse jedoch ist jedoch kein zweidimensionales System, sondern ein komplexes, selbstreferenzielles System, worauf wir evolutionär nicht vorbereitet wurden und dessen Eigenschaften wir uns deswegen mühsam antrainieren müssen.

Was bedeutet Reflexivität?

Mit dem Phänomen der Reflexivität haben sich Soziologen wie Thomas und Merton beschäftigt, die ersten Grundüberlegungen zu dieser Thematik wurden aber tatsächlich schon von griechischen Philosophen weit vor unserer Zeit durchgeführt. So stellt bereits Aristoteles (300 v. Chr.) in seiner Nikomachischen Ethik Folgendes fest:

Wenn nun der wahrnimmt, der sieht, daß er sieht, und hört, daß er hört, und als Gehender wahrnimmt, daß er geht, und wenn es bei allem anderen ebenso eine Wahrnehmung davon gibt, daß wir tätig sind, so daß wir also wahrnehmen, daß wir wahrnehmen, und denken, daß wir denken: und daß wir wahrnehmen und denken, ist uns ein Zeichen, daß wir sind.

Der Markt hat ein „Beobachterproblem“

Das „Beobachterproblem“ bzw. das Problem der Reflexivität ist auch Biologen bekannt. So müssen sie sicherstellen, dass sie bei der Beobachtung von Tieren in freier Wildbahn, beispielsweise einem Rudel Erdmännchen, nicht wiederum von diesen beobachtet werden, da diese Beobachtung das natürliche Verhalten der Tiere ändern würde. Die Beobachtung hätte also eine Verhaltensänderung der Tiere zur Folge, was via Rückkopplung die Aussagekraft der Beobachtung einschränken würde. In der Mathematik kennen wir dieses Phänomen aus der Heisenbergischen Unschärferelation, welche besagt, dass die Messung eines Teilchens zwangsläufig mit der Störung seines Ortes verbunden ist. Auch der bekannte Investor George Soros ist von der Reflexivität der Märkte überzeugt, auch wenn er selbst nicht Erfinder dieses Gedankens ist.

Der Markt sind wir!

Doch was ist nun die wichtige Erkenntnis aus dem zuvor Geschriebenen? Die Börse sind wir! Die Beobachtung eines Systems ändert über kurz oder lang das Systemverhalten durch Rückkopplung selbst. Denn wir sind nicht einfach nur neutrale Beobachter, sondern gleichzeitig auch Marktteilnehmer. Der Markt weiß, was wir denken. Unser Marktverhalten ändert sich, sobald wir eine Analyse lesen, die uns überzeugt. Dies wiederum bedeutet, dass die Analyse an Präzision verlieren muss, wenn große Teile des Marktes darauf reagieren. Der Markt hat durch die Analyse sozusagen seinen „Ort“ gewechselt und ist nicht mehr neutral zu beobachten. Sentiment-Trader machen sich diese Eigenschaft der Reflexivität für ihren antizyklischen Handelsansatz zu Nutze: Wenn alle am Markt in die gleiche Richtung denken, muss der Markt fast zwangsläufig in die andere Richtung laufen. Wovor sich die Marktteilnehmer alle gleichzeitig fürchten, kann nur schwer eintreffen.

Social Trading als Beispiel

Wenn zu viele Trader gleichzeitig die gleiche Überzeugung haben, kann sie am Markt wegen der Reflexivität nicht mehr funktionieren. Der Grund dafür, weshalb profitable Handelssysteme von Zeit zu Zeit optimiert, nachjustiert oder gar ganz neu überdacht werden müssen, weil sie schlichtweg nicht mehr funktionieren. Der Markt ist eine komplexe Matrix, die ihre Zusammensetzung permanent ändert und die es erforderlich macht, sich ständig auf die neuen Gegebenheiten anzupassen. Hält sich beispielsweise ein TopTrader im Social Trading lange an der Spitze, weil er eine profitable Trading-Strategie gefunden hat, so wird diese über kurz oder lang unprofitabel, wenn tausende darauf aufmerksam werden und sie nachhandeln. Letzten Endes hat der Erfolg die Strategie unprofitabel gemacht. Die Börse ist ein selbstrefenzielles, reflexives System, in dem die Beobachter des Marktes gleichzeitig die handelnden Marktteilnehmer sind und ständig durch Rückkopplung in ihren Handlungen beeinflusst werden.

Warum ist es so schwer, den Markt zu schlagen?

Der Markt sind wir und der Markt weiß daher, was wir denken. Den Markt zu schlagen ist genauso schwer, wie gegen sich selbst Schach zu spielen. Der Markt passt sich permanent an unsere Erwartungen an und macht es uns daher so schwer wie möglich. Mit einfachen zweidimensionalen kausalen Analysemethoden kommen wir bei einem solch komplexen System nicht weit. Diese Erkenntnis ist bei vielen Tradinganfängern nicht sehr beliebt, denn der Mensch liebt es von seiner Natur aus, Systeme in einfache Wenn-Dann-Beziehungen einzuteilen, anstatt den Markt als komplexen Organismus zu berachten, der im Grunde wir selbst sind und der unsere gesamten Handlungen und Ideen 1:1 abbildet.

Ich denke, also bin ich: Fazit und Lösungen

Welche Auswirkungen hat nun die Erkenntnis der Börse als reflexives System? Ist es folglich illusorisch, den Markt schlagen zu können? Mitnichten, zahlreiche profitable Trader beweisen Tag für Tag das Gegenteil. Man muss sich nur über folgende Auswirkungen der Reflexivität auf den täglichen Handel gewahr werden:

  • Die Börse ist kein starres zweidimensionales Gebilde, sondern ändert beständig ihre Zusammensetzung. Statische Trading-Strategien müssen also von Zeit zu Zeit an die aktuellen Marktbedingungen angepasst werden, um dauerhaft profitabel zu sein.
  • Die Mehrzahl der Anleger ist immer auf der falschen Seite positioniert. Sentiment-Trader machen sich diese Eigenschaft zu Nutze.
  • Chartformationen und -muster ändern von Zeit zu Zeit leicht ihre Form. Der erfolgreiche diskretionäre Trader muss sich darauf einstellen.
  • Eines wird jedoch immer so bleiben, so lange es die Börse gibt: Sobald es mehr Nachfrage als Angebot gibt, wird dies im Chart seine Spuren hinterlassen, ebenso umgekehrt. Trendwechsel, Trendwende- und Umkehrformationen wird es immer geben solange es Börse gibt, auch wenn sie sich in Form und Ausdehnung über die Zeit verändern.
  • Der Schlüssel zum erfolgreichen Trading ist ein vernünftiges Risiko- und Money Management, bei dem die Verluste kleiner gehalten werden als die Gewinne. Die Mehrzahl der Trader hat „nur“ eine Trefferquote von 50 Prozent oder sogar darunter, was einem Münzwurf gleicht. Trotzdem sind sie dank eines klugen Risiko- und Money Managements erfolgreiche Händler.

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